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Fachinterview mit Herrn Dieter Steinhagen von der TiHo Hannover
#2
6. Wie sieht Ihr Arbeitsfeld in der Abteilung "Fischkrankheiten" aus und wer kann sich an Sie wenden?

Das Arbeitsfeld der Abteilung Fischkrankheiten und Fischhaltung der Tierärztlichen Hochschule Hannover liegt in Forschung, Lehre und Dienstleistung auf dem Gebiet von Erkrankungen bei Fischen.
Gegenstand unserer Forschungsarbeiten sind Untersuchungen an Infektionserkrankungen bei Fischen: wie gelangen Infektionserreger aus dem Wasser über Schleimhaut, Kiemen oder Darm in den Körper von Fischen und wie verhindern Fische das Eindringen von Infektionserregern. Wir untersuchen, über welche Abwehrreaktionen Fische verfügen, wie sie diese Reaktionen gegen Krankheitserreger einsetzten und wie Infektionserreger die Aktivierung der Abwehrreaktionen unterlaufen. Wir untersuchen zudem die Verbreitung von Viren in den Aalbeständen in den Gewässern Norddeutschlands, die Ausbreitung des Koi-Herpesvirus über ablaufendes Wasser in Teichwirtschaften, die Auswirkung von veränderten Wasserparametern auf die Gesundheit von Fischen und die Frage, ob Speisefische vor dem Schlachten so weit betäubt werden können, dass sie ihre Umwelt nicht mehr wahrnehmen. Diese Forschungsarbeiten werden von der Europäischen Union, sowie von Förderinstitutionen des Bundes und der Länder finanziert.
Ein wichtiger Teil unserer Arbeit ist Dienstleistung auf dem Gebiet der Fischkrankheiten und die Ausbildung von Studierenden der Veterinärmedizin im Bereich "Fischkrankheiten" zu sachkundigen "Fischtierärzten". Um diese Aufgabe möglichst praxisnah zu erfüllen, halten wir eine Sprechstunde ab, in der kranke Fische vorgestellt werden können. In dieser Sprechstunde können erkrankte Fische aus tropischen Süßwasser- oder Seewasser- Aquarien vorgestellt werden, Fische aus Gartenteichen und natürlich auch Speisefische aus Teichwirtschaften oder Aquakultur. Auf diese Weise möchten wir Fisch-Liebhabern und Fischfarmern kompetente Hilfe bei Erkrankungen ihrer Fische anbieten. Erfahrene Tierärztinnen oder Tierärzte untersuchen die vorgestellten Patienten, stellen eine Krankheitsdiagnose und geben eine Behandlungsempfehlung. Zusammen mit den erfahrenen "Fischtierärzten" arbeiten Studierende und Tierärzte in der Fach-Ausbildung und erhalten so die Möglichkeit, in der Praxis unter Anleitung Fertigkeiten und Kenntnisse zu erlernen, die für eine fundierte Gesundheitsversorgung von Fischen nötig sind. Unsere Sprechstunden sind zur Zeit Montags, Donnerstags und Freitags von 9 bis 12 h sowie zusätzlich weitere Termine an diesen Tagen nach telefonischer Vereinbarung. Eine telefonischen Voranmeldung sollte möglichst erfolgen, damit lange Wartezeiten vermieden werden. Unsere Sprechzeiten richten sich nicht an eine spezielle Gruppe von Klienten sondern an alle Fischbesitzer mit erkrankten Fischen oder Fragen zur Fischgesundheit.

7. Können Sie alternative Mittel zur Unterstützung von Krankheiten, z.B. den Einsatz von Salz bei Krankheitszeichen empfehlen?

Das Auftreten von Erkrankungen bei Fischen ist vielfach ein sehr vielschichtiges Geschehen. Oft lassen sich Erkrankungen bei Fischen bestimmten Ereignissen, wie Transport, Neuzugängen, nicht optimale Sauerstoffversorgung/ Wasserpflege wegen Urlaub oder ähnlichem in Verbindung bringen. Deshalb können bereits Maßnahmen zur verbesserten Pflege, wie kürzere Intervalle für einen Wasserwechsel, eine verbesserte Belüftung oder verbesserte Filterung des Wassers Krankheitssymptome verschwinden lassen. Hier ist eine gute Beobachtungsgabe und die Erfahrung der Aquarianerin oder des Aquarianers gefragt: Je frühzeitiger Krankheitsanzeichen bemerkt werden, desto günstiger sind die Heilungschancen. Werden Verhaltensänderungen, wie geringere Schwimmaktivität, reduzierte Futteraufnahme oder Veränderungen an Haut und Flossen beobachtet, wären Maßnahmen wie Wasserwechsel, oder Überprüfen der Belüftung und Filterung anzuraten. Wenn sich dadurch keine Besserung einstellt, sollte der Sache mit einer gezielten Diagnostik auf den Grund gegangen werden.
Der Einsatz von Kochsalz kann z. Bsp. sehr gut nach anstrengendem Transport über einen Zeitraum von wenigen Tagen sinnvoll sein, um Stress-Auswirkungen entgegenzuwirken. Aber auch bei einigen Erkrankungen an Haut, Flossen oder Kiemen kann durch Kochsalz im Frühstadium eine gute Wirkung erzielt werden. Die positive Wirkung ist nach wenigen Tagen erschöpft, dann muss das Kochsalz durch Wasserwechsel aus dem Aquarium entfernt werden. In jeden Fall muss eine gute Durchlüftung einem Sauerstoffmangel entgegenwirken. Bei der Anwendung sind Fischart, Wasserhärte, Temperatur und Kondition der Fische mit zu berücksichtigen. Außerdem ist zu bedenken, dass viele Wasserpflanzen auf Kochsalzgaben im Konzentrationsbereich von 1 bis 3 Gramm pro Liter, die hier zur Diskussion stehen, bereits empfindlich reagieren.
Auch andere alternative Mittel beeinflussen die Wasserchemie und die Fischphysiologie günstig und können im Frühstadium von Erkrankungen z. Bsp. zum Abbau von Stressfolgen erfolgreich eingesetzt werden. Bei akuten Erkrankungen können sie allerdings kein Ersatz für eine gezielte Therapie darstellen. Dann muss gezielt und entschlossen gehandelt werden.

8. Im Forum ist vor einiger Zeit die Frage aufgekommen, ob es einen
"Schwarzen Ichthyo- Erreger" gibt. Liegen Ihnen diesbezüglich Informationen vor?

Die als "Weißpünktchen-Erkrankung" bezeichnete Infektion von Fischen wird von einem Ciliaten, der Wimpern tragende Einzeller Ichthyophthirius multifiliis hervorgerufen. Dieser Einzeller parasitiert in der Haut von Fischen und schädigt die Haut, indem Hautzellen zerstört werden. Ein Organismus mit einer vergleichbaren Lebensweise wie Ichthyophthirius parasitiert an Seefischen. Bei Seefischen sind zudem in den letzten Jahren verstärkt Infektionen mit weiteren Ciliaten beobachtet worden, die erst die Haut befallen und dann in Muskulatur und innere Organe eindringen. Diese Scuticociliaten wurden zunächst als harmlose Verwerter von Mulm und organischem Material angesehen, ihre Bedeutung als Pathogene von Fischen in Aquakultur und Aquarium wird zunehmend deutlicher. Allerdings sind alle bekannten Ciliaten weißlich oder gelb-braun gefärbt und verursachen keine schwarz gefärbte Veränderungen auf der Haut von Fischen. Schwarze Flecken sind als Reaktion der Haut eines infizierten Fisches zu betrachten: In die Haut eingedrungene Parasiten oder Fremdkörper werden durch eine Kapsel von Hautzellen "eingemauert", und in die Kapsel werden Pigmentzellen eingelagert. Typisch hierfür ist die "Schwarzflecken-Krankheit": In Haut und Flossen befallener Fische sind kleine, etwa Stecknadelkopf große, schwarze Flecken zu erkennen. Werden diese Flecken unter der Stereolupe aufpräpariert, kommt die Larve eines Saugwurms (Trematode) zu Tage. Der Fisch wird von dem Parasiten als "Warteschleife" benutzt, um in den eigentlichen Endwirt, einem Fisch fressenden Vogel zu gelangen. Eier des Parasiten gelangen über den Kot infizierter Vögel ins Wasser, dort schlüpfen erste Larvenstadien, die in Schnecken eindringen und nach einer Vermehrungsphase sich aktiv in die Haut von Fischen einbohren. Schwarze Flecken lassen sich bei Wildfänge unterschiedlicher Arten, besonders bei Welsen, immer wieder beobachten. Da die Schwarzfärbung durch die Einlagerung von Pigmenten in die Kapsel erfolgt, mit der die Haut des Fisches den Parasiten eingemauert hat, können die schwarzen Flecken auch einige Zeit nach dem Erwerb der Fische noch auftreten. Da im Aquarium jedoch infizierte Schnecken als erste Zwischenwirte und vor allem Vögel als Endwirte fehlen, breitet sich die Infektion in der Regel nicht aus.
Des weiteren können schwarze Flecken auf Stoffwechselstörungen beruhen. Eine dem Ichthyophthirius vergleichbare Infektionskrankheit, bei der schwarze Flecken auftreten, ist uns bisher noch nicht vorgestellt worden. Sollten Sie Fische pflegen, die an einer derartigen Erkrankung leiden, können Sie uns diese Fische gern zur weitergehenden Diagnostik vorstellen.

9. Medikamentenresistenzen beim Ichthyo-Erreger: Was soll man tun ?
Wurde bei den Fischen eine Infektion mit Ichthyophthirius sicher diagnostiziert, also durch Vorliegen der klassischen klinischen Symptome einer Erkrankung wie weiße Punkte, Scheuern, beschleunigte Atmung etc, sowie durch das Auffinden von Ciliaten- Stadien im Abstrich von Haut und/ oder Kiemen, dann muss konsequent therapiert werden. Führt die angewendete Therapie nicht zum Erfolg, muss die Dosierung geprüft werden (stimmt die Konzentration des Medikaments? Ist das Wasservolumen von Aquarium oder Teich richtig berechnet? Ist die Haltbarkeit des Medikaments/ des Wirkstoffs noch gegeben? Wurde ausreichend lange und mit entsprechenden Wiederholungen therapiert?), ev. eine höhere Dosierung des Medikaments zunächst an einzelnen Fischen unter Aufsicht geprüft werden, oder es sollte das Medikament gewechselt werden. Üblicherweise werden zur Therapie von Ichthyophthirius im Aquarium Medikamente auf der Basis von Malachitgrün eingesetzt. Diese Substanz (eingesetzt werden sollte Malachitgrün- Oxalat, denn andere Malachitgrün-Salze, wie -chlorid können sich als giftig für Fische erweisen) hat bisher das beste Wirkspektrum und die beste "therapeutische Breite", es kommt beim Einsatz der richtigen Konzentration selten zu Unverträglichkeiten. Alternativ können Substanzen, wie Acriflavin oder Wasserstoff-Peroxid eingesetzt werden. Diese Substanzen sind jedoch schlechter kontrollierbar als Malachitgrün und sollten erst nach ausführlicher Probebehandlung zum Einsatz kommen.
Um ein Wiederaufflammen der Infektion zu vermeiden, muss bei der Therapie von Ichthyo in Abhängigkeit von der Wassertemperatur in jedem Fall die Medikamentengabe im Abstand von jeweils 3 bis 5 Tagen zweimal wiederholt werden. Nur so kann vermieden werden, dass die Fische von Schwärmern infiziert werden, die aus Cysten ausschlüpfen und erneut eine Erkrankung auslösen.

10. Ab dem kommenden Jahr soll es ja so sein, dass viele Wirkstoffe nicht mehr frei verkäuflich sind. Was würden Sie empfehlen, wenn ein Aquarianer Krankheitszeichen bei seinen Tieren entdeckt, aber keinen Tierarzt in seiner Nähe hat?

Um erkrankte Fische erfolgreich zu therapieren, muss eine fundierte Diagnostik der Krankheitsursache erfolgen. Neben der Beobachtung von Krankheitssymptomen, wie Scheuern, Flossenfäule, Flossenklemmen, Weiße Punkte, etc. ist dafür fast immer die mikroskopische Untersuchung von z. Bsp. Haut- und Kiemenproben sowie eine Wasseranalyse notwendig. In einigen Fällen - je nach Krankheitssymptomen - ist auch eine mikrobiologische Untersuchung von Haut- oder Kiemenproben notwendig. Erst auf Basis der Krankheitssymptome und der Befunde der Zusatzuntersuchungen kann eine gute Therapie erfolgen. Die mikroskopische Untersuchung von Haut- und Kiemenproben könnten versierte Aquarianer selbst vornehmen. Für sehr viele Erkrankungen stehen auch ab 2010 gut wirkende frei verkäufliche Medikamente zur Verfügung. Ist die Anwendung eines verschreibungspflichtigen Arzneimittels notwendig, führt kein Weg am Tierarzt vorbei. Aquarianer sollten zwecks Diagnose und Therapie Kontakt mit einer Tierarztpraxis aufnehmen, von sie bei Erkrankungen von anderen Haustieren gut und kompetent beraten wurden. Mit den Ärzten dieser Praxis können Sie Diagnose und Therapie besprechen. Wenn Ärzte sich über das Vorgehen vergewissern wollen, können sie sich an uns wenden. Im Rahmen unserer Sprechstunde können sich Tierarztpraxen zur Unterstützung in Einzelfällen über Diagnose und Therapiemaßnahmen bei uns vergewissern.

11. In wie weit stehen "falsche" Wasserwerte im Zusammenhang mit dem Ausbruch von Krankheiten?

Wasserparameter bestimmen die Lebensverhältnisse von Fischen in sehr viel stärkerem Maße, als bei Tieren an Land die Klimabedingungen im Stall. Vor allem der Sauerstoffgehalt des Wassers, aber auch der pH-Wert, sowie die Gehalte an Ammoniak/ Ammonium und Nitrit wirken sich direkt auf Fische aus. Dabei sind nicht nur solche Situationen zu bedenken, wo diese Wasserparameter so weit verändert sind, dass Fische direkt Schaden nehmen, sondern auch länger andauernde, relativ leichte Abweichungen aus dem Normbereich können Fischen langfristig zu schaffen machen. Dieses sei am Bespiel der Sauerstoffkonzentration im Wasser erklärt: bei einer Sauerstoffkonzentration von 0,5 mg pro Liter strecken Karpfen den Kopf aus dem Wasser um durch Notatmung die Kiemen mit einem Gemisch von Wasser und Luft zu versorgen. Sie sind der Gefahr des Erstickens ausgesetzt. Ab einer Konzentration von weniger 3-3,5 mg/ltr. stellen Karpfen die Futteraufnahme ein und zeigen durch ihr Verhalten eine Beeinträchtigung des Wohlbefindens an. Der Sauerstoffbedarf aktiver Karpfen (Schwimmen, Fressen) ist bei 20 °C Wassertemperatur allerdings erst ab einer Konzentration von mehr 4,5 mg/ ltr. ausreichend gedeckt. Bei einer Wassertemperatur von 20 °C entspricht dies einer Sauerstoffsättigung von ca. 51 %. Und das bei einer Fischart, von der landläufig angenommen wird, dass sie nur einen geringen Sauerstoffbedarf hat! Weiterhin ergaben Studien an Forellen, dass Fische, die in Wasser mit einer Sauerstoffsättigung von 70 % lebten, nach dem Einfangen im Netz doppelt so hohe Cortisonspiegel im Blut aufwiesen und doppelt so viel Energie verloren hatten, wie Forellen, die im Wasser mit 90 % Sauerstoffsättigung lebten. Geringe Sauerstoffkonzentrationen im Wasser bewirkten also eine stärkere Stressreaktion und damit verbunden einen hohen Energieverlust. "Falsche" Wasserwerte sind dann besonders belastend für Fische, wenn sie die Sauerstoffaufnahme behindern, oder die Abgabe von Kohlendioxid und Ammoniak aus dem Blut, oder wenn sie, wie eine chronische Nitritbelastung, den Sauerstofftransport in den roten Blutkörperchen beeinträchtigen. Wie die Untersuchung an den Forellen zeigt, belasten "falsche" Wasserwerte letztendlich die Kondition der Fische und begünstigen so den Ausbruch von Infektionskrankheiten.


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Wichtig : Teil 2 Fachinterview mit Herrn Dr. Dieter Steinhagen von der TiHo Hannover - von Balu - 29.12.2009, 16:03

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